Natürlicher Pflanzenschutz durch Pflanzen
Jede landwirtschaftliche Produktion
bedeutet eine Zuchtwahl bestimmter Pflanzenarten, deren massives Auftreten
auf einer mehr oder weniger großen Fläche das natürliche Gleichgewicht
des entsprechenden Ökosystems angreift. Das natürliche System reagiert
mit Maßnahmen zur Beseitigung dieses Ungleichgewichts, und bekämpft
die Invasion biologischer Einfalt. Die Folge sind epidemische Krankheiten
der großflächig angebauten Nutzpflanzen, seien es Kartoffel- oder
Weizenfelder, Apfelplantagen oder Weinberge. Verursacht werden diese Krankheiten
zumeist durch eigentlich harmlose Schädlinge, die sich jedoch maßlos
vermehren, da in der einseitig ausgerichteten Feldpflanzung die jeweiligen
natürlichen Feinde keinen Lebensraum mehr finden. Um diesem Krankheitsdruck
entgegenzuwirken, versucht der Mensch seit dem Beginn der Landwirtschaft vor
über 5000 Jahren die angebauten Pflanzen zu schützen, indem er entweder
möglichst häufig die Kulturen wechselt, um so der relativ träge
reagierenden Natur beständig zuvor zu kommen, oder mittelfristig resistente
Sorten züchtet oder indem er mit pflanzlichen Heilmitteln den Krankheitsdruck
mindert und die pflanzeneigenen Abwehrkräfte stimuliert.
Als die moderne Chemie noch nicht der Natur die pflanzlichen Wirkstoffe abschaute,
um sie kostengünstig und standardisiert zu Insektiziden, Fungiziden,
Herbiziden zu synthetisieren, war der Mensch darauf angewiesen, seine landwirtschaftliche
Tätigkeit so genau zu durchdenken und zu beobachten, dass er durch rechtzeitige
Anpassung seiner kultureller Maßnahmen den Verlust seiner Nahrungsgrundlage
verhinderte. Der Bauer stand unter dem beständigen Zwang, seine Methoden
immer wieder zu überdenken, mit ungewohnten Maßnahmen zu experimentieren
und seine Umwelt zu erforschen, um aus der Natur selbst die Pflanzen, Extrakte
und Essenzen zu gewinnen, durch die sich die Krankheiten der Kulturpflanzen
wirkungsvoll bekämpfen ließen.
Während in der Humanmedizin Arzneimittel auf pflanzlicher Basis nie aus
den Hausapotheken verschwunden sind und trotz aller Entwicklungen der Pharmakologie
mittlerweile Jahresumsätze von über 200 Milliarden Dollar generieren,
kommen bei der Bekämpfung von Pflanzenkrankheiten in der Landwirtschaft
nahezu ausschließlich chemisch synthetisierte Wirkstoffe zum Einsatz,
wodurch nicht nur das Ökosystem noch stärker als ohnehin angegriffen
wird, sondern die Ernährung des Menschen zur Krankheitsfalle wird.
Um dieser fatalen Entwicklung entgegenzuwirken, kommen in der nachhaltigen
Landwirtschaft neue Strategien der Biodiversifizierung sowie des Pflanzenschutzes
auf pflanzlicher Basis zum Einsatz. Im Rahmen des Forschungsprojekts Mythopia
werden seit 2005 phytotherapeutische Mittel und Methoden im Wein- und Obstbau
entwickelt, erprobt und angewandt. Um auch andere landwirtschaftliche Betriebe
an den Resultaten dieser Versuche teilhaben zu lassen und somit einen Beitrag
für den Methodenwandel in der Landwirtschaft zu leisten, haben wir uns
im Frühjahr 2008 entschlossen, Phyto.Mythopia
zu gründen und uns als Berater für ökologischen Weinbau im
Bereich des natürlichen Pflanzenschutzes zu engagieren.
Der hauptsächliche Unterschied zwischen pflanzlichen und chemischen Pflanzenschutzmitteln besteht darin, dass sich die Wirksamkeit der pflanzlichen Heilmittel nicht auf einen Wirkstoff reduzieren lässt, sondern stets auf dem von der heutigen Wissenschaft noch nicht vollständig erklärbaren Zusammenspiel mehrerer Inhalts- und Botenstoffe beruht. Doch anders als die synthetischen Heilmittel sind die Pflanzenextrakte wie die unterschiedlichen Millesime eines Weines von Jahr zu Jahr verschieden und müssen für jede Saison neu dosiert werden. Dank der neu entwickelten Labormethoden sind diese Bestimmungen jedoch mittlerweile auf wissenschaftlichem Niveau möglich und können zumindest teilweise von uns vorgenommen werden.
Die Phytotherapie in der Landwirtschaft verfolgt
drei prinzipielle Strategien:
1. Die Stärkung der Pflanzen
und die Verbesserung ihrer eigenen Abwehrkräfte durch kontinuierliche
Regenerierung der Bodenkultur (Komposte, Zwischenbepflanzung, Bodenbearbeitung),
durch Raumaufteilung der Kulturpflanzen sowie durch Behandlung mit Pflanzenstärkungsmitteln
(z.B. Brennesselsud, Schachtelhalm etc.).
2. Die Eindämmung des
Krankheitsdrucks durch Biodiversifizierung und Zwischenpflanzung von Antagonisten,
also durch Anbau von anderen Pflanzen innerhalb des Bereichs der Kulturpflanzen,
die der Natur gewissermaßen eine biologische Vielfalt vortäuschen
und die Verbreitung der einseitigen Schädlinge behindern.
3. Die direkte Bekämpfung der Krankheiten und Schädlinge durch natürliche Pflanzenschutzmittel, die entweder direkt auf die Schädling einwirken oder deren Wirkstoffe die pflanzeneigenen Abwehrmechanismen rechtzeitig auslösen und verstärken.